3. Multikausalität

„Geschichte ist ein Ablauf der Dinge, ein Zusammenhang von Ereignissen, der nicht primär in der Weise des Planens und des Erwartens und des noch so unsicheren Vorauswissens erfahren wird, sondern grundsätzlich immer als ein schon geschehener“ (Gadamer 1987, 107).

 

Gadamer macht in klaren Worten sehr deutlich, dass sich ein historisches Phänomen nicht monokausal erklären lässt. Denn die Komplexität eines historischen Ereignisses lässt sich nicht leugnen. Hinter einem solchen steht ein Konglomerat von Faktoren und Einflüssen, die möglichst allesamt in die Interpretation und Deutung miteinbezogen werden müssen. Natürlich stehen im Geschichtsunterricht nicht die methodischen Verfahren zur Verfügung, derer sich Historiker bedienen. Aber das im Geschichtsunterricht zu vermittelnde „differenzierte Geschichtsverständnis“ (Lehrplan für das Gymnasium in Bayern) kann nur auf Basis eines Unterrichts aufgebaut werden, der die „Multikausalität von Erscheinungen und Ereignissen zu berücksichtigen“ (Lehrplan für das Gymnasium in Bayern) weiß. Dazu gehört nicht nur, Verständnis für komplexe Ursachenzusammenhänge zu wecken, sondern auch, dieses Denkschema kontinuierlich einzuüben. Geschichte als ein weder ziel- und zweckbestimmtes, noch gesetzmäßig determiniertes Schema zu begreifen, ist Ziel dieses Unterrichtsprinzips. Deshalb sollte die Kompetenz der Schüler entwickelt werden, eben diese – deterministischen und teleologischen Argumentationsverfahren – in geschichtlichen Darstellungen zu erkennen und kritisch zu bewerten.

 

In diesem Zusammenhang steht ebenfalls die Erkenntnis, dass eine Kausalanalyse eines historischen Ereignisses nie möglich sein wird, da Geschichte „[…] nicht den Charakter des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung“ hat, sondern „im Gegenteil, daß kleine Ursachen große Wirkungen haben“ (Gadamer 1987, 108). Gerade die Nutzung kontroverser Quellen und Darstellungen kann im Geschichtsunterricht dazu beitragen, diese Fähigkeit, die auch für die „Lebensbewältigung“ (Lehrplan für das Gymnasium in Bayern) von großer Bedeutung ist, zu entwickeln.

 

Literatur: