2. Quellenorientierung

Begründet wurde das Unterrichtsprinzip der Quellenorientierung im Zusammenhang mit einer grundlegenden Neuausrichtung des Unterrichts in den 1970er Jahren (siehe hierzu auch: Quellen im GU) angestoßen durch den sogenannten Strukturplan für das Bildungswesen der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates. Das Bund-Länder-Gremium empfahl eine generelle Wissenschaftsorientierung von Unterricht, um den Schulbetrieb an die veränderten Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft anpassen zu können. Darum sollten „[…] die Bildungsgegenstände […] in ihrer Bedingtheit und Bestimmtheit durch die Wissenschaften anerkannt und entsprechend vermittelt werden“ (Deutscher Bildungsrat 1972, 33) Für den Geschichtsunterricht bedeutete dies, sich der historischen Methode der Fachwissenschaft zu bedienen, um Geschichte nicht länger als ‚Gesinnungs- und Paukfach‘ zu unterrichten. Damit band sich die Geschichtsdidaktik als wissenschaftliche Disziplin an die anderen historischen Disziplinen und grenzte sich – freilich nicht widerspruchslos (vgl. Kapitel "Geschichtsdidaktik als wissenschaftliche Disziplin") – von der Allgemeindidaktik und den Erziehungswissenschaften ab.

Quellenorientierung (und damit Wissenschaftsorientierung) bedeutet nicht, den Geschichtsunterricht zur „imitierten Geschichtswissenschaft“ (Borries 2007, 33) zu machen, sondern dem Schüler „Einblick in historische Forschungsmethoden und fachspezifische Vorgehensweisen zur Erschließung der Vergangenheit“ (Lehrplan für das Gymnasium in Bayern) zu ermöglichen. Wie in Modul 3 ausführlich dargestellt, soll damit einhergehend Methodenkompetenz vermittelt werden, um selbstständig und kritisch zu Einsichten des historischen Wissens zu gelangen. Die Schüler „vollziehen den Arbeitsprozess der Historiker nach und erfahren dabei auch ihre eigene Standortgebundenheit“ (Grosch 2005, 64). Darüber hinaus ermöglicht die unmittelbare Verwendung von Quellen – im Gegensatz zur darstellungszentrierten Unterrichtsform – eine „direkte Auseinandersetzung […] mit geschichtlichen Zusammenhängen“ (Gautschi 1999, 108). In Verbindung mit einem weiteren Unterrichtsprinzip, der Multiperspektivität, zeigt es den Lernenden, dass historisches Wissen nur durch Quellen bestätigt (oder auch negiert) werden kann und immer standort- und zeitgebunden ist. Ein konsequent quellenorientierter Geschichtsunterricht ermöglicht damit „Einsicht in die Bedingtheit und Begrenztheit menschlich-historischer Erfahrungen“ (Lehrplan für das Gymnasium in Bayern).

Literatur:

  • Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Hrsg.): Lehrplan für das Gymnasium in Bayern. Fachprofil Geschichte G8. http://www.isb-gym8-lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26390 (aufgerufen am 16.02.2010).
  • Borries, Bodo von: Wissenschaftsorientierung. In: Mayer, Ulrich / Pandel, Hans-Jürgen / Schneider, Gerhard (Hrsg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. 2., überarb. Aufl. Schwalbach/Ts. 2007, S. 30-48..
  • Deutscher Bildungsrat (Hrsg.): Strukturplan für das Bildungswesen. Stuttgart 41972 (Nachdruck 1973).
  • Gautschi, Peter: Geschichte lehren. Lernwege und Lernsituationen für Jugendliche. Buchs 1999.
  • Grosch, Waldemar: Schriftliche Quellen und Darstellungen. In: Günther-Arndt, Hilke (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II.
    Berlin 22005, S. 63-91.