1. Quellen als "Erkenntnismedium und [...] Erkenntnisgrund"

Die Historische Forschung beschäftigt sich mit der Vergangenheit. So simpel diese Aussage klingen mag, so diffizil ist deren Kernproblem: Die Vergangenheit ist schon Augenblicke später vergangen, so dass eine direkte Beschäftigung unmöglich erscheint. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die schon ‚Geschichte‘ ist, kann also nur über ein Medium realisiert werden, welches in der Gegenwart noch verfügbar und erforschbar ist. Dabei spielt zunächst die menschliche Fähigkeit des Erinnerns eine große Rolle. Durch kognitive Vorgänge kann die Vergangenheit mental ‚zurückgeholt‘ und damit gegenwärtig gemacht werden.

Aber auch diesem Prozess sind Grenzen gesetzt, denn „Geschichte im Gedächtnis ist hochgradig instabil“ (Assmann 2007, 10). Das menschliche Gedächtnis ist letztendlich beeinflussbar und damit unzuverlässig, wenn es darum geht, die Vergangenheit gründlich zu erforschen. Aus diesem Grund können historische Ereignisse, Phänomene, Prozesse oder auch das Gegenteil – nämlich, dass sie nicht stattgefunden haben – nur anhand von Belegen rekonstruiert werden. Diese Belege nennt man in der Geschichtswissenschaft Quellen. Nach der allgemein anerkannten Definition von Paul Kirn versteht man unter Quellen in der Geschichtswissenschaft „[…] alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“ (Kirn 2007, 49).

Da aber nie alle Quellen zu einem Sachverhalt gänzlich überliefert sind, kann selbst bei einer quantitativ guten Quellenlage kein historischer Gegenstand vollständig rekonstruiert werden. Hinzu kommt, dass der Historiker – und jeder, der sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt – immer seine gegenwärtigen Erfahrungen in die Analyse der Historie einbringt. ‚Geschichte‘ ist also immer subjektiv. Jedoch hat die Geschichtswissenschaft kontrollierbare, nachvollziehbare und verlässliche Verfahren entwickelt, um an geschichtliche Erkenntnisse zu gelangen, die ihrerseits ebenso nie in aeternum Gültigkeit besitzen. Sie können jederzeit durch die Analyse neuer Quellen oder angesichts neuer Fragstellungen und Sichtweisen revidiert oder sogar negiert (sog. Veto der Quellen) werden.

Dieses wissenschaftliche Verfahren wird als historische Methode bezeichnet und besteht aus drei unterschiedlichen Arbeitsschritten. Am Anfang jedes Erkenntnisprozesses steht zunächst eine historische Frage, ein Problem oder einfach Interesse. Davon ausgehend muss sich der Historiker auf die Suche nach entsprechenden Quellen machen, von denen er sich „eine Antwort auf seine immer präziseren Fragen verspricht“ (Sellin 2005, 47). Diesen Schritt nennt man Heuristik. Die Quellen werden daraufhin der so genannten Quellenkritik unterzogen, die sich einerseits auf die äußeren Merkmale der Quelle bezieht, andererseits aber auch auf die Aussage der Quelle, um deren Authentizität zu überprüfen. Erst daran schließen sich Interpretation und Narration an, bei der auf argumentativem Wege eine „Objektivität der historischen Erkenntnis“ (Rüsen 1997, 143) erreicht kann.

Die einzelnen Schritte der historischen Methode müssen nicht zwingend bis zur ausformulierten Interpretation reichen. Zum Beispiel werden für die Forschung auch historisch-kritische Quelleneditionen erarbeitet, die sich auf Heuristik und Kritik eines bestimmten Quellenbestandes beschränken. Somit können derart geprüfte und bearbeitete Quellen einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und nicht jeder Forscher muss die Authentizität einer Quelle immer wieder aufs Neue untersuchen. Hier finden Sie jeweils ein Beispiel für eine historisch-kritische Quellenedition und eine unkommentierte Quellensammlung.

Die historische Methode

Entscheidend bei der erkenntnisleitenden Fragestellung ist die in der  Geschichtswissenschaft übliche Einteilung von Quellen in Überrest und Tradition: „Die Geschichtsquellen pflegen in Tradition und Überreste eingeteilt zu werden. Der Unterschied beider Gruppen ist der, daß die Tradition das Bestreben hat, Ereignisse und Erzählungen in einem bestimmten Erinnerungsbilde für die Mit- und Nachwelt festzuhalten, daß Überreste dagegen, wie der Name sagt, übrig bleibende Bestandteile ehemaliger menschlicher Betätigung oder ehemaliger Begebenheiten sind. Hieraus ergibt sich, daß es sich schon bei dieser Haupteinteilung um eine nachträgliche, aus Zweckmäßigkeitsgründen eingeführte Unterscheidung handelt“  (Wolf 1910, 17).

Mit anderen Worten: Quellen, die absichtlich und willkürlich geschaffen wurden, um der historischen Überlieferung zu dienen, nennt man Tradition. Darunter fallen alle Arten von Annalen, Biografien, Chroniken, Geschichtsdarstellungen, aber auch Sagen, Anekdoten, Lieder oder Erzählungen. Quellen, die hingegen unabsichtlich überliefert wurden, weil sie einfach ‚übrig‘ geblieben sind, nennt man Überrest. Für die Quellenkritik und eine anschließende Interpretation ist diese Unterscheidung bei der Beurteilung fundamental, da sie Absichten und Deutungen beinhalten kann, die natürlich berücksichtigt werden müssen. 

 

Quellentypologie

Eine weitere Einteilung von Quellen kann nach der jeweiligen Nähe zum Ereignis vorgenommen werden (Grosch 2005, 71).  Zeitgenössische Aufzeichnungen von Bismarck sind beispielsweise näher am betrachteten historischen Gegenstand und sind daher als Primärquelle zu bezeichnen, während hingegen die gleichen Ereignisse auch in seinen Memoiren dargestellt werden, die später verfasst wurden. Diese sind dann Sekundärquelle.  Je nach Fragestellung kann sich die Einteilung natürlich verschieben.

Diese Einteilung darf nicht mit der philologischen Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärliteratur verwechselt werden. Diese bezeichnet die literarische Quelle in Abgrenzung zur dazugehörigen Forschungsliteratur!

 

 

Literatur:

  • Die Grafik "Quellentypologie ist eine Kompilation aus: Brandt, Ahasver v.: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. Stuttgart 162003, S. 56, S. 61; und: Schneider, Gerhard: Die Arbeit mit schriftlichen Quellen. In: Pandel, Hans-Jürgen / Ders. (Hrsg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts. 42007, S. 15-44, hier: S. 19; und: Grosch, Waldemar: Schriftliche Quellen und Darstellungen. In: Günther-Arndt, Hilke (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 22005, S. 63-91, hier: S. 70-73.
  • Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. München 2007.
  • Grosch, Waldemar: Schriftliche Quellen und Darstellungen. In: Günther-Arndt, Hilke (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 2. Aufl. Berlin 2005, S. 63-91.

  • Kirn, Paul: Einführung in die Geschichtswissenschaft. Nach: Arnold, Klaus: Die Quellen als Fundament und Mittel historischer Erkenntnis. In: Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs. 3., revid. u. erw. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2007, S. 48-65.
  • Rüsen, Jörn: Historische Methode. In: Bergmann, Klaus et al. (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik. 5., überarb. Aufl. Seelze-Velber 1997, S. 140-144.
  • Sellin, Volker: Einführung in die Geschichtswissenschaft. Erw. Neuausg. Göttingen 2005.