3. Geschichtskultur

Während sich das Geschichtsbewusstsein als mentaler Prozess selbst nicht materialisieren lässt, integriert der Begriff Geschichtskultur sämtliche Formen, Erscheinungsbilder, Ereignisse, Orte und Produkte, die im Umgang mit Geschichte entstehen. Jede Beschäftigung mit Geschichte, sei sie wissenschaftlicher, erzieherischer, archivarischer, staatlich-politischer oder privater Natur, ist demnach ein Teil von Geschichtskultur einer Gesellschaft. Man kann sie daher als "praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewußtsein im Leben einer Gesellschaft" (Rüsen 1995, 513) definieren.

Geschichtskultur

Wie die Abbildung zeigt, lassen sich die beiden Begriffe gemeinsam im gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte verankern (vgl. Erdmann 2007). Dabei hilft die Vorstellung, dass es sich beim Geschichtsbewusstsein um eine individuelle Komponente handelt, während Geschichtskultur kollektiv gebildet wird. Geschichtsbewusstsein erhält seine Ausformung gewissermaßen von "außen" durch die genannten Prozesse, die während der lebensgeschichtlichen Entwicklung des Menschen ablaufen. Die Geschichtskultur hingegen stellt sich als "Außenseite des gesellschaftlichen Geschichtsbewusstseins" (Schönemann 2007, 17) dar, die man auch als soziales System begreifen kann. In verschiedenen Institutionen beschäftigen sich unterschiedliche Professionen damit, bestimmte Medien mit historischen Inhalten zu produzieren, bereitzustellen und zu konservieren. Die Publika (Rezipienten) sind wiederum heterogen in der Gesellschaft verteilt und können – je nachdem zu welchem Zweck sie sich mit der Historie beschäftigen – politischen, kognitiven oder ästhetischen (neuerdings auch kommerziellen) Nutzen daraus ziehen. Ein Beispiel dafür wäre: In der Institution Schule sind Lehrer (Profession) mit der Erteilung von Geschichtsunterricht (Medium) zum Zwecke der Bildung an die Schüler (Publikum) beschäftigt.

Der Geschichtsunterricht soll aber auch dazu beitragen, die Schüler an geschichtskulturelle Formen heranzuführen. Diese      "[l]ebensweltliche Bedeutung des Geschichtsunterrichts" (Lehrplan für das bayerische Gymnasium 2007) entfaltet sich zunehmend im zeitgeschichtlichen Kontext und sollte daher in Zukunft auf diesem Gebiet verstärkt thematisiert werden, da hier die höchste Motivation und das meiste Interesse der Schüler liegt (Heuer 2005, 173).

Geschichtskultur als soziales System

In engem thematischen Zusammenhang mit Geschichtskultur steht ein weiterer Begriff, der sich im kulturwissenschaftlichen Diskurs über Erinnerung und Gedächtnis als Leitbegriff (vgl. Cornelißen 2003, 550) etabliert und in den 1990er Jahren auch Einzug in die Geschichtswissenschaft gehalten hat (vgl. Cornelißen 2003, 551). Es handelt sich um die so genannte Erinnerungskultur. Darunter versteht man "alle denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse, seien sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur", also "alle Repräsentationsmodi von Geschichte" (Cornelißen 2003, 555). Im Spannungsfeld von kollektivem, kommunikativem und kulturellem Gedächtnis lässt sich daher eine Definition für Erinnerungskultur fassen, die im weiteren Sinne mit Geschichtskultur gleichzusetzen ist (vgl. Assmann/Hölscher 1988, Cornelißen 2003).

In den vergangenen Jahrzehnten konnte eine stete Zunahme an geschichtskulturellen Phänomenen wahrgenommen werden. Ein Grund dafür scheint die "zunehmende Subjektivierung der Erinnerung" (Cornelißen 2003, 551) zu sein, d.h. es stehen immer mehr Quellen über individuelle Erinnerung zu Verfügung (Autobiographien, Memoiren, Tagebücher usw.). Der technische Fortschritt entwickelt darüber hinaus immer umfangreichere und bessere Möglichkeiten der digitalen "Erinnerung", was nach Assmann gar einer "kulturelle[n] Revolution" (Assmann 2005, 11) gleich kommt. Dieser "Boom an Geschichtskultur" (von Reeken 2004, 234) ist zum einen sicherlich der "Zunahme der Vermittlungsinstanzen" (Schörken 1995, 163) wie Fernsehen und populärwissenschaftlich-publizistischen Darstellungen geschuldet, zum anderen entspricht dies aber auch einem gewissen Bedürfnis nach geschichtlicher Orientierung, nach Selbsterkenntnis und nach pluralistischen Lebensformen in der postmodernen Gesellschaft (vgl. von Reeken 2004, 234). Von Reeken spricht sich daher dezidiert dafür aus, diesem Bedürfnis auch unterrichtlich insofern Rechnung zu tragen, als man außerschulische Geschichtskultur in den Geschichtsunterricht integrieren könnte (vgl. von Reeken 2004, 236ff.).

Literatur:

  • Assmann, Jan / Hölscher, Tonio (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main 1988.
  • Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 52005.
  • Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Hrsg.): Lehrplan für das Gymnasium in Bayern. Wolnzach 2003 (Loseblattsammlung, Stand: 3. Ergänzungslieferung September 2007).
  • Cornelißen, Christoph: Was heißt Erinnerungskultur? Begriff – Methoden – Perspektiven. In: GWU 10 (2003), S. 548-563.
  • Erdmann, Elisabeth: Geschichtsbewußtsein – Geschichtskultur. Ein ungeklärtes Verhältnis? In: GPD 35,3/4 (2007), S. 186-195.
  • Heuer, Christian: Geschichtsdidaktik, Zeitgeschichte und Geschichtskultur. In: GPD 33,3/4 (2005), S. 170-175.
  • Reeken, Dietmar von: Geschichtskultur im Geschichtsunterricht. Begründungen und Perspektiven. In: GWU 55,4 (2004), S. 233-240.
  • Rüsen, Jörn: Geschichtskultur. In: GWU 46 (1995), S. 513-521.
  • Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft. In: Günther-Arndt, Hilke (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 2. Aufl. Berlin 2005, S. 11-22.
  • Schörken, Rolf: Begegnungen mit Geschichte. Vom außerwissenschaftlichen Umgang mit der Historie in Literatur und Medien. Stuttgart 1995.