1. Geschichtsbewusstsein

„Geschichtliches Bewußtsein ist kein Naturprodukt“ (Jeismann 1977, 13), konstatierte Jeismann in seinem viel beachteten Aufsatz, der – zusammen mit den Beiträgen von Rüsen und Vierhaus – ein neues Zeitalter der Geschichtsdidaktik begründete. Zentraler und integraler Begriff des neuen, über die reine Schulfachdidaktik hinausgehenden Wissenschaftsverständnisses der Geschichtsdidaktik wurde das sogenannte Geschichtsbewusstsein. In einer ersten Definition beschreibt Jeismann den Gegenstand der Geschichtsdidaktik und dehnt deren Wirkungsbereich auf die gesamte Gesellschaft und ihren individuell verschiedenen Auffassungen zu Geschichte aus:

 „Didaktik der Geschichte hat es zu tun mit dem Geschichtsbewußtsein in der Gesellschaft sowohl in seiner Zuständlichkeit, den vorhandenen Inhalten und Denkfiguren, wie in seinem Wandel, dem ständigen Um- und Aufbau historischer Vorstellungen, der stets sich erneuernden und verändernden Rekonstruktion des Wissens von der Vergangenheit. Sie interessiert sich für dieses Geschichtsbewußtsein auf allen Ebenen und in allen Gruppen der Gesellschaft sowohl um seiner selbst willen wie unter der Frage, welche Bedeutung dieses Geschichtsbewußtsein für das Selbstverständnis der Gegenwart gewinnt; sie sucht Wege, dieses Geschichtsbewußtsein auf adäquate und der Forderung nach Richtigkeit entsprechende Vergangenheitserkenntnis wie auf Vernunft des Selbstverständnisses der Gegenwart entspricht.

Dabei ist der Begriff ‚Geschichtsbewußtsein‘ hier in einem sehr allgemeinen Sinne als das Insgesamt der unterschiedlichen Vorstellungen von und Einstellungen zur Vergangenheit genommen.“ (Jeismann 1977, 12f.)

 

Seit den 1970er Jahren ist diese Definition prägend für das erwachende Selbstverständnis der Geschichtsdidaktik als eigenständiger, wissenschaftlicher Disziplin geworden. Wie im letzten Absatz des Zitates deutlich wird, lag (noch) kein theoretisch fundierter und konsensual akzeptierter Begriff vor, anhand dessen empirische und pragmatische Forschungsarbeit für die Geschichtsdidaktik geleistet werden konnte (vgl. Pandel 1987, 130). Immer wenn es unspezifischer Weise um das Verhältnis zwischen Mensch und Geschichte ging, wurde der Begriff in der Publizistik und Kulturpolitik gebraucht, so dass eine Definition für den angedachten spezifisch geschichtsdidaktischen Zuschnitt immer notwendiger wurde. Daher legte Pandel 1987 einen ersten Versuch vor, Geschichtsbewusstsein auf eine theoretische Basis zu stellen. Demnach ist Geschichtsbewusstsein ein „psychischer Verarbeitungsmodus historischen Wissens“ (Pandel 2006, 69) bzw. eine auf Erfahrung aufbauende „individuelle mentale Struktur“ (Pandel 1987, 132) aus verschiedenen Kategorien bzw. Dimensionen. Kognitionspsychologisch kann dies als konzeptuelles Wissen bezeichnet werden, da es sich um „das Verstehen von Prinzipien“ (Stern/Felbrich/Schneider 2006, 465) handelt.

Es geht nicht um Erinnerung an vergangenes Geschehen, wird also unabhängig von historischem Wissen gebildet. Außerdem handelt es sich nicht um ein „Speichermedium zur Akkumulation von historischem Wissen“, sondern um die Konstruktion von einem tieferen Sinn und dient daher der „Orientierung in der Temporalität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (Pandel 2006, 70). Anders ausgedrückt: Geschichtsbewusstsein hat nichts mit Jahreszahlen oder nüchternen Fakten zu tun, sondern dient der Vereinbarung der drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter dem ‚Dach‘ der Geschichte. Darüber hinaus lassen sich – je nach Ansatzpunkt normativ, deskriptiv oder theoretisch – Komponenten des Geschichtsbewusstseins fassen und darstellen (vgl. Sauer 2006, 11) Auch durch zahlreiche empirische Studien z.B. zum Geschichtsbewusstsein von Jugendlichen (z.B. Borries 1997) wurde aus der zunächst diffusen und weit gefassten Vorstellung ein immer klarer definierter und umrissener Begriff.

Von Bedeutung ist auch die Tatsache, dass der Begriff Geschichtsbewusstsein nicht auf das Schulfach Geschichte begrenzt wird und werden kann, denn die

„Rekonstruktion von Geschichtsverständnis in der Gesellschaft ist ein so umfassender, vielfältiger und komplexer Vorgang in der durch die Generationen laufenden Tradierung und Veränderung der gesellschaftlichen Kultur im weitesten Sinne, daß der Geschichtsunterricht als ein zwar wichtiger, aber eben nur als ein Faktor in diesem Prozeß angesehen werden kann“ (Jeismann 1977, 16).

Es kann daher nicht oft genug betont werden, dass die Geschichtsdidaktik nicht vom Schulfach her definiert und begründet wird, sondern dass Geschichtsbewusstsein der „Erkenntnisgegenstand der Geschichtsdidaktik“ (Jeismann 1988, 9) ist und in diesem Zusammenhang als Grundlage historischen Lernens dient, welches natürlich auch (aber nicht nur) in der Schule stattfindet.

Im gesamtgesellschaftlichen Rahmen verortet, stellt sich das Geschichtsbewusstsein natürlich auch als Prozess dar, der – wie andere gesellschaftlich relevante Themen auch – ständig im Wandel begriffen ist. „Geschichtsbewusstsein ist keine statische, sondern eine vornehmlich dynamische Größe“ (Schönemann 2005, 12), die „aus Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartserfahrungen und Zukunftserwartungen [zusammengesetzt ist] und das stets in vorläufiger Ausbalancierung mit prekärer Stabilität“ (Schönemann 2005, 13). Denn: Geschichte ist „Sinndeutung vergangener und gegenwärtiger Zeit zugleich“ (Jeismann 1988, 14). Die Bedeutung der Vergangenheit kann nur aus der Gegenwart heraus interpretiert werden, weil eine vollständige, allumfassende Sinnentnahme nicht mehr möglich ist. Wer sich mit Geschichte beschäftigt, ist ebenfalls zeit-, also gegenwartsgebunden, weil er keine ‚Zeitreise‘ unternehmen kann, sondern die historischen Ereignisse und Verhältnisse – immer als Person aus der Gegenwart – untersucht.

 

Geschichtsbewusstsein als dynamischer Prozess

Literatur:

  • Borries, Bodo von: Das Geschichtsbewußtsein Jugendlicher. Erste repräsentative Untersuchung über Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartswahrnehmungen und Zukunftserwartungen von Schülerinnen und Schülern in Ost- und Westdeutschland, Weinheim u. a. 1995 oder die internationale Studie von: Angvik, Magne / Borries, Bodo von (Hg.): Youth and History. A Comparative European Survey on Historical Consciousness and Political Attitudes among Adolescents. Vol. A und B, Hamburg 1997.
  • Jeismann, Karl-Ernst: Didaktik der Geschichte. Die Wissenschaft von Zustand, Funktion und Veränderung geschichtlicher Vorstellungen im Selbstverständnis der Gegenwart. In: Kosthorst, Erich (Hrsg.): Geschichtswissenschaft. Didaktik – Forschung – Theorie. Göttingen 1977, S. 9-33.
  • Jeismann, Karl-Ernst: Geschichtsbewußtsein als zentrale Kategorie der Geschichtsdidaktik. In: Schneider, Gerhard (Hrsg.): Geschichtsbewußtsein und historisch-politisches Lernen. Pfaffenweiler 1988 (= JfGd, Band 1), S. 1-24.
  • Pandel, Hans-Jürgen: Dimensionen des Geschichtsbewusstseins – Ein Versuch, seine Struktur für Empirie und Pragmatik diskutierbar zu machen. In: Geschichtsdidaktik 12,2 (1987), S. 130-142.
  • Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsbewusstsein, in: Mayer, Ulrich et al. (Hrsg.): Wörterbuch Geschichtsdidaktik. Schwalbach/Ts. 2006, S. 69f.
  • Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. 5., aktual. u. erw. Aufl. Seelze 2006.
  • Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft. In: Günther-Arndt, Hilke (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 2. Aufl. Berlin 2005, S. 11-22.
  • Stern, Elsbeth / Felbrich, Anja / Schneider, Michael: Mathematiklernen. In: Rost, Detlef H. (Hrsg.): Handwörterbuch Pädagogische Psychologie. 3., überarb. u. erw. Aufl. Weinheim 2006, S. 461-469.