1. "Was ist Geschichte?"

Die Frage "Was ist Geschichte?" lässt sich schwer beantworten. Allein eine Google-Suchabfrage offeriert 642 Treffer, die mehr oder weniger sinnvolle Antworten anbieten. Die Eingabe des Suchwortes "Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland
" führt sogar zur unvorstellbaren Anzahl von 98.900.000 Treffern und hinter jedem einzelnen steht eine Facette der "Geschichte". Dieses Zahlenspiel soll verdeutlichen, dass – um die Frage ernsthaft beantworten zu wollen – eine Eingrenzung des Begriffes notwendig ist. In einer älteren geschichtsdidaktischen Publikation werden vier verschiedene Geschichtsbegriffe genannt: Die geschehene (totale), erlebte (subjektive), dargestellte (narrative) und lebende (gegenwärtige) Geschichte (Wilmanns 1949, 11-17). Diese Unterscheidung führt schon an das Kernproblem der Frage heran, nämlich was der Begriff "Geschichte" jeweils bezeichnet.

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Dabei lassen sich fünf verschiedene Begriffe von "Geschichte" finden, wie sie in der obigen Abbildung aufgeführt sind:

  • Geschichte als res gestae (lat. "Tatenberichte") bezeichnen das vergangene Geschehen, "die Gesamtheit aller Vorkommnisse" (Rohlfes 2005, 28).
  • Hingegen bezeichnet "Geschichte" im Sinne von historia rerum gestarum die Darstellung des Geschehenen, also die Historiographie oder Geschichtsschreibung. Hierbei muss man verstehen, dass die Geschichtsschreibung niemals res gestae originalgetrau abbilden kann. Sie unterliegt immer der gegenwärtigen Beurteilung und ist daher auch wandelbar.
  • Geschichte im wissenschaftlichen Sinne und damit konstitutiv für die so bezeichnete wissenschaftliche Disziplin kennzeichnet hingegen das "Ergebnis der Rekonstruktion vergangener Wirklichkeit mithilfe historischer Erkenntnisverfahren" (Handro 2007, 27), das auch jeweils abhängig von der Person und den Fragestellungen des Betrachters unterschiedlich ausfallen kann (vgl. Schönemann 2005, 12). Der Blickwinkel ergibt sich aus dem Erkenntnisinteresse des Historikers, der sich "nur für eine kleine Zahl aus den unendlich vielen Tatsachen der Vergangenheit interessiert, nämlich für solche, die aus bestimmten Gründen und in bestimmten Zusammenhängen für ihn von Bedeutung sind" (Sellin 2005, 32).
  • Unter "Geschichte" kann man aber auch das gleichnamige Schulfach als Teil der Allgemeinbildung verstehen sowie
  • als bloße Erzählung im Sinne einer Darstellung von Handlungszusammenhängen (literarischer Begriff).

Aus diesen Gründen existiert auch kein abgeschlossenes Geschichtsbild, nicht die Geschichte, sondern erst der Kollektivsingular "Geschichte" subsummierte im 18. Jahrhundert die bisher üblichen "Geschichten" unter dem "regulative[n] Begriff für alle gemachte und noch zu machende Erfahrung" (Kosselleck nach Rohlfes 2005, 28).

Literatur:

  • Handro, Saskia: Historische Erkenntnisverfahren. In: Günther-Arndt, Hilke (Hrsg.): Geschichtsmethodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 2007, S. 25-45.
  • Kosselleck, Reinhard: Geschichte. Nach: Rohlfes, Joachim: Geschichte und ihre Didaktik. 3., erw. Aufl. Göttingen 2005.
  • Rohlfes, Joachim: Geschichte und ihre Didaktik. 3., erw. Aufl. Göttingen 2005
  • Schönemann, Bernd: Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft. In: Günther-Arndt, Hilke (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 22005, S. 11-22.
  • Sellin, Volker: Einführung in die Geschichtswissenschaft. Erw. Neuausg. Göttingen 2005.
  • Wilmanns, Ernst: Geschichtsunterricht. Grundlegung seiner Methodik. Stuttgart 1949, S. 11-17.