1. Geschichte und Geschichtsdidaktik

Gerade für die Studienanfänger ist es unumgänglich, einen Begriff davon zu haben, mit was man sich im Studium der historischen Wissenschaften auseinandersetzt. Der individuelle Geschichtsbegriff, das jeweils persönliche Geschichts-verständnis ist durch familiale, schulische und außerschulische Erfahrungen geprägt und oft nicht kongruent mit den wissenschaftlichen Begrifflichkeiten. Daher soll in diesem Modul das Verständnis für die abstrakt geschichtstheoretischen und geschichtsdidaktischen Begriffe geschaffen werden.

Seien es aufwändige Historiendramen in Film und Fernsehen, die mediale Präsenz von "Zeitzeugen", die Begehung zahlreicher Jahres- und Gedenktage, monumentale Ausstellungen, Dokumentationszentren und Ehrenmäler, Artikel im Feuilleton der Tageszeitungen oder literarische (Selbst-)Entäußerungen in Fiktion und Autobiographien – "Geschichte hat Konjunktur" (Sauer 2006, 9). Der Konfrontation und Auseinandersetzung mit Historie kann sich allein deshalb schon keiner entziehen, weil jeder Mensch seine eigene "Geschichte" hat und immer als Teil einer Gesellschaft in Prozesse eingebunden ist. Sich dessen bewusst zu sein, ist unabhängig davon, ob man die Regierungsdaten der staufischen Kaiser auswendig weiß oder die Frontverläufe der Napoleonischen Kriege genau nachvollziehen kann, die Bismarcksche Sozialgesetzgebung oder die Bedeutung von Cäsars Schritt über den Rubikon erklären kann.

Gerade weil Geschichte in der Lebenswelt eines Menschen omnipräsent ist, darf sich der Geschichtsunterricht nicht auf die Vermittlung von reinem Faktenwissen begnügen. Noch vor wenigen Dekaden beschränkte sich historisches Lernen inhaltlich im Wesentlichen auf die "Lebensweise der Völker in den ältesten Zeiten [und] die Ruhmestaten großer Helden" (Ebner 1931, 1) und basierte methodisch auf unreflektiertem Rekapitulieren: "Wir haben es nun leichter, wir brauchen nur lernen, was der Geschichtsforscher durch seine mühevolle Arbeit erforscht hat" (Ebner 1931, 1).

Später – nach den schrecklichen Ereignissen der nationalsozialistischen Diktatur, des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges, lag die Hauptaufgabe des bald schon wieder eingerichteten Schulfaches Geschichte darin, Ursachen- und Bedingungsanalysen (Weniger 1957, 70) von vergangenem Geschehen für die Schüler zu entwickeln und sie dadurch "auf die […] gemeinsame Verantwortung eines tätigen Lebens für Staat und Volk" (Weniger 1957, 68) vorzubereiten. Geschichtsvermittlung hatte ein funktionales, politisches Ziel, das im "gemeinsame[n] Bemühen von Lehrer und Schüler um die Deutung des Geschehens und um Erkenntnis der geschichtlichen Aufgabe" (Weniger 1957, 70) und im Neuaufbau von "echten Werten" (Bork 1950, 1) bestand. Inwieweit der Geschichtsunterricht selbst ständigem Wandel unterworfen ist, zeigt das Zitat aus einer geschichtsmethodischen Publikation der frühen 1950er Jahre: "Es ist nicht nur gefährlich, sondern auch absolut unhistorisch, Mädchen mit oft nur dürftigen Kenntnissen langatmige Werturteile über Vergangenes in sogenannten Diskussionsstunden ("Arbeitsunterricht") geben zu lassen. Im Geschichtsunterricht handelt es sich immer um Versuche, Vergangenes nachzugestalten. Es muß dabei allergrößte Zucht geübt werden; die Schülerin muß lernen, ihre persönliche Meinung zurückzustellen; sie soll aber vorbereitet werden, im Aktuellen mitzusprechen." (Niederhommert 1951, 99)

Quellen:

  • Ebner, Eduard: Geschichte des Altertum Neubearb. v. Josef Habisreutinger. 17. Aufl. Bamberg 1931.
  • Niederhommert, Charlotte: Grundsätzliches zum Geschichtsunterricht in Mädchenschulen. In: Arbeitsgemeinschaft
    Deutschland Lehrerverbände(Hrsg.): Geschichtsunterricht in unserer Zeit. Grundfragen und Methoden. Braunschweig 1951, S. 98-101.

Literatur:

  • Bork, Arnold: Einführung in den Geschichtsunterricht. Berlin/Hannover 1950.
  • Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. 5., aktual. u. erw. Aufl. Seelze 2006.
  • Weniger, Erich: Neue Wege im Geschichtsunterricht. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1957.

Inhalte Modul 1: