4. Gegenwartsbezug

„Wer über Vergangenes nachdenkt, also historisch denkt, denkt in seiner Gegenwart – also unter dem Einfluss von Gegenwartserfahrungen und Zukunftserwartungen. Geschichte ist immer gegenwärtiges Nachdenken über vergangenes menschliches Denken, Handeln und Leiden“ (Bergmann 2004, 37).

Demnach ist der Ursprung historischen Denkens ein – kollektiver oder persönlicher – Erinnerungsvorgang, der immer aus der Gegenwart heraus abläuft, also gegenwartsbezogen ist. Um Schülern transparent zu machen, wieso es sich lohnt, über historische Prozesse nachzudenken und warum dies für Gegenwart und Zukunft bedeutsam ist, hat sich im Geschichtsunterricht das Prinzip des Gegenwartsbezuges entwickelt.

Dies kann man auf drei unterschiedlichen Ebenen betrachten:

  • Zunächst ist hier der unmittelbare Vergangenheitsbezug zu nennen. Geschichte ist in unserer Gegenwart immer und in vielerlei Weise präsent, seien es alte Gebäude, Denkmäler, Straßennamen oder sprachgeschichtliche Phänomene wie Dialekte und Sprichwörter. Auch die Medien – Presse, Funk, Fernsehen und neuerdings das Internet –, welche die Lebenswelten der Schüler oft in besonderem Maße prägen, liefern häufig Inhalte mit historischen Bezügen. Schließlich sind prinzipiell alle Manifestationen von Geschichtskultur Beispiele für die „Gegenwärtigkeit der Geschichte“ (Sauer 2006, 92). Der Gegenwartsbezug äußert sich also in Form von Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart, worauf im Geschichtsunterricht Bezug genommen werden kann und sollte. Bergmann nennt zwei weitere Aspekte:
  • Gegenwartsbezug als Ursachenzusammenhang: Hierfür benötigt man vor allem Informationswissen, weil es darum geht, ‚Ursachenforschung‘ zu betreiben. Die Untersuchung eines gegenwärtigen Problems oder Phänomens wirft dabei Fragen an die Vergangenheit auf: Wie ist das Problem entstanden, welche Vorgänge haben sich abgespielt? Wann und unter welchen Voraussetzungen trat es auf? Dabei zielt der Geschichtsunterricht auf Informationswissen ab, welches für die Beurteilung notwendig ist. Will man zum Beispiel die zunehmende Wählergunst der Partei „DIE LINKE“ untersuchen, gilt es die Ursprünge und Entwicklungen der deutschen Parteienlandschaft und insbesondere der kommunistischen und sozialdemokratischen Verbände genauer zu beleuchten.
  • Gegenwartsbezug als Sinnzusammenhang: Hier stellt sich die Frage nach Situationen, Ereignissen oder Prozessen in der Vergangenheit, die mit der Situation bzw. dem Untersuchungsgegenstand vergleichbar sind. Es geht nicht darum, Möglichkeiten zu finden „aus der Geschichte zu lernen“. Zwar muss ein tertium comparationis vorhanden sein und die zu vergleichenden Situationen müssen eine gewisse kohärente Struktur aufweisen. Jedoch sind Geschichte und Gegenwart nie gänzlich kongruent und daher nur bedingt vergleichbar, es liegt immer eine Differenz vor. Gerade diese Erfahrung von ‚Alterität‘ ist aber besonders bedeutsam. Der Schüler braucht Einfühlungsvermögen in andere, historische Situationen und Denkweisen, um daraus einen Sinnzusammenhang zu erschließen (vgl. Bergmann 2007, 105f.). Daraus lassen sich schließlich Handlungs- und Denkalternativen entwickeln, um „sinnvolle Antworten auf Fragen der Zeit geben zu können“ (Bergmann 2004, 37). Der Schüler benötigt für dieses Verfahren Orientierungswissen „über die Erfahrungen und die Möglichkeiten menschlichen Denkens und Handelns in konkreten historischen Lagen“ (Bergmann 2007, 106). Betrachtet man als Beispiel das Problem des internationalen Terrorismus, wird man feststellen, dass es sich um ein überzeitliches Phänomen handelt. Man könnte dies als Ausgangsproblem nutzen, um terroristische Anschläge und deren Hintergründe in der Vergangenheit herauszuarbeiten.´

Letztlich dient der Gegenwartsbezug als Unterrichtsprinzip einer „historisch fundierten Gegenwartsorientierung“ (Sauer 2006, 92), nicht um die Vergangenheit darzustellen, sondern um diese als Ausgangslage für historisches Lernen zu nutzen. Die Schüler sollen durch die Anwendung dieses Unterrichtsprinzips lernen, dass Fragen, Darstellungen und auch das persönliche Orientierungsbedürfnis jedes Einzelnen immer zeitgebunden – und damit veränderbar – sind (vgl. Bergmann 2007, 91). Ein gegenwartsbezogener Geschichtsunterricht fragt nach Phänomenen und Ereignissen aus der Vergangenheit in Bezug auf deren Ursachen, Bedeutung und Auswirkungen auf die Gegenwart und die Zukunft und stellt sie in Beziehung zu aktuellen Geschehnissen. Darüber hinaus erforscht er die Präsenz von Historie im gesamtgesellschaftlichen Rahmen und orientiert sich an den Erfahrungen und Bedürfnissen von Schülern. Er dient des Weiteren als „Prüfstein für die schulische Bedeutsamkeit historischer Themen“ (Sauer 2006, 93) und kann bei der konkreten Unterrichtsplanung eine wichtige Hilfe sein (Zu denken wäre etwa an die Unterrichtskonzeptionen des nicht-chronologischen und chronologisch-gebundenen Geschichtsunterrichts sowie das Konzept der „Schlüsselprobleme“ und „Großen Fragen“, auf die Bergmann näher eingeht: Bergmann 2007, 99-103).

Literatur:

  • Bergmann, Klaus: Gegenwarts- und Zukunftsbezug. In: Mayer, Ulrich / Pandel, Hans-Jürgen / Schneider, Gerhard (Hrsg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. 2., überarb. Aufl. Schwalbach/Ts. 2007, S. 91-112.
  • Bergmann, Klaus: Gegenwartsbezug – Zukunftsbezug. In: GWU 55 (2004), S. 37-46.
  • Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. 5., aktual. u. erw. Aufl. Seelze 2006.