5. Multiperspektivität und Perspektivenwechsel

Das geschichtsdidaktische Unterrichtsprinzip der Multiperspektivität lässt sich auf zwei verschiedenen Ebenen betrachten. Bezogen auf die Ebene der Vergangenheit sind damit „die unterschiedlichen Positionen und Perspektiven der an einem historischen Geschehen Beteiligten und von ihm Betroffenen sowie die daraus hervorgehenden Primärzeugnisse“ (Bergmann 1994, 197) gemeint. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass es nicht die Geschichte, sondern immer verschiedene unterschiedliche Sichtweisen gibt und dass Geschichte niemals objektiv wiedergegeben werden kann. Damit geht die Forderung an ein geeignetes Quellenarrangement einher, welches ein historisches Ereignis nicht nur aus singulärer Perspektive wiedergibt, sondern durchaus konträre oder sich ergänzende Positionen beinhalten soll. Konkret bedeutet dies, dass ein auf Multiperspektivität abzielender Geschichtsunterricht Quellen anbieten sollte, die den gleichen Sachverhalt ‚in unterschiedlichem Licht‘ beleuchten, also divergierende Wahrnehmungen beinhalten. Diese Unterschiede können geschlechtsspezifischer, sozialer, nationaler, religiöser, politischer oder ökonomischer Natur sein. Um die Multiperspektivität für den Unterricht nutzbar zu machen, gibt es verschiedene methodische Verfahren wie zum Beispiel das Umschreiben einer einseitig perspektivischen Quelle oder das Gegenüberstellen zweier konträrer Quellenbestände. Auch die Vielzahl an „historisch ‚stumme[n]‘ Gruppen“ (Bergmann 1997, 302) , von denen keine Zeugnisse erhalten sind, kann im Unterricht durch das Erstellen ‚fiktiver Quellen‘ zum Sprechen gebracht werden.

Im Hinblick auf die Position des gegenwärtigen Betrachters entfaltet sich aufgrund der Multiperspektivität im Geschichtsunterricht die Erkenntnis, dass der gleiche historische Sachverhalt unterschiedlich verstanden, erklärt, gedeutet und beurteilt werden kann, weil jeder Mensch eine eigene Perspektive einnimmt (multiperspektivische Unterrichtsverfahren sind bereits im Grundschullehrplan für das Fach Heimat- und Sachunterricht vorgesehen. Vgl. Lehrplan für die bayerische Grundschule).

Perspektivenwechsel

Dieser Denkvorgang erfordert Abstraktionsvermögen und stellt eine intellektuelle Herausforderung dar. Daher spielt konsequentes, kontinuierliches und alters- und kompetenzangemessenes Einüben solcher Perspektivenwechsel eine große Rolle. Die Fähigkeit der Schüler zur Anwendung von mehrperspektivischen und problemorientierten Verfahren sieht der Lehrplan als Ziel für den Geschichtsunterricht erst in den höheren Jahrgangsstufen vor (vgl. Lehrplan für das Gymnasium in Bayern). Das grundlegende Verständnis kann jedoch bereits in der Primarstufe und der Sekundarstufe I angelegt werden. Die Schüler erkennen durch das Einüben von horizontalem Perspektivenwechsel, dass Geschichte kritisch gedeutet und hinterfragt wird und dieser Deutungsprozess individuell abhängt von „Zeitumständen, Bedürfnissen, Interessen, Wirkungsabsichten“ (Sauer 2006, 63). Perspektivenwechsel dient außerdem der Darstellung und Einordnung übergreifender Zusammenhänge, weil dadurch keine isolierte und genetische Betrachtungsweise erzeugt wird. In diesem Zusammenhang steht ein die Kontroversität als ein weiteres spezifisch geschichtsdidaktisches Unterrichtsprinzip, welches im nächsten Kapitel erläutert werden soll.

Literatur: